feine Pflanzenpoesie

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Farben aus Pflanzen


Jedesmal, wenn ich ein Tuch aus dem mit Pflanzen zubereiteten Farbbad nehme, staune ich über die lebendige Farbigkeit! Ein farbiges Pulsieren, ein Tanzen mit der Luft und dem Licht zeigt sich mir.


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Es wird mir dann bewusst, dass die synthetischen Farben diese Lebendigkeit, dieses Pulsieren, nicht mehr in sich tragen. Obwohl chemische Farben in grosser Auswahl und in vielen Farbabstufungen erhältlich sind, haben sie eine gewisse Beziehungslosigkeit zueinander. Im Gegensatz dazu beglückt uns die Pflanzenfarbe mit einer Harmonie, die all die verschiedenen Farben miteinander verbindet.

Diese harmonische Ergänzung zueinander hat seinen Grund darin, dass wir es bei einer bestimmten Pflanze nie nur mit einem Farbstoff zu tun haben: immer handelt es sich um eine Mischung mehrerer Farben. So herrscht zwar bei jeder Pflanze ein bestimmter Farbstoff vor, z.B. bei der Krappwurzel das Rot, bei der Apfelbaumrinde das Gelb, der Walnussschale das Braun, doch spielen andere Tönungen in kleinen Mengen mit. Deshalb wirken Pflanzenfarben so lebendig. Und wenn eine isoliert betrachtete Färbung als Misserfolg bewertet wurde, so kann sie in der Nachbarschaft mit anderen Färbungen geradezu als meisterhafte Ergänzung entdeckt werden.... und erst ihre vollendete, zarte Schönheit entfalten.

pflanzengefärbtes Papier


Nach einer gewissen Zeit im Umgang mit Pflanzenfarben, nimmt das Auge immer feinere Nuancen wahr. Das Auge schult sich mehr und mehr und sensibilisiert sich auf die zarten Zwischentöne. Pflanzenfarben wirken wohltuend auf den Organismus des Menschen ein, harmonisieren und beleben. Nicht zuletzt wegen der in der Farbe enthaltenen Pflanzenkraft!

Pflanzen2

 

Die Pflanzenteile beinhalten eine Reihe von färbenden Substanzen. Nicht jeder Pflanze sieht man den enthaltenen Farbstoff in der äusseren Erscheinung an. Die meisten heimischen Pflanzen färben gelb, aber es gibt auch grüne, rote und sogar blaue Farbtöne, die sich in den Blättern, Wurzeln, Blüten oder Stielen verbergen. Und manche Farbe entsteht auf überraschende und unverhoffte Weise....

Pflanzenfarbsäfte:

Meist kann bereits mit einem einfachen Absud, gemörserten Pflanzenteilen oder Beeren eine einfache Farbe gewonnen werden. Mit diesen Saftfarben lässt es sich schon ganz gut malen. Gibt man dem Sud ein wenig Kirschgummi oder Gummi arabicum dazu, eignet sich der Saft bereits zum Aquarellieren, Lavieren oder je nachdem auch als Tinte. Und nun beginnt auch erst das Forschen und Ausprobieren, um haltbare Ergebnisse zu erzielen. 

Safran

 

 

Pigmentherstellung:

Der meist wässrige Pflanzenextrakt wird mit Alaun versetzt, welches sich mit dem Farbstoff innig verbindet. Nun wird die Lösung mit einer Lauge, z.B. Soda, ausgefällt. Dabei verbindet sich das Alaun mit der Lauge zu einem neuen farbigen Tonerdekristall. Das Pigment ist geboren. Abschliessend wird es  nach vollständiger Durchtrocknung fein im Mörser gemahlen.

Grün

 

Eine Vielzahl an Gegebenheiten wie Wasserbeschaffenheit, Temperatur, Pflanzenqualität, Menge der Salze und andere Komponenten beeinflusst das Pigment in seiner Farbqualität. Aus ein und der selben Pflanze lassen sich so mehrere Farbtöne gewinnen. In jedem Farbpigment schwingen mehrere Nuancen mit. Dies ermöglicht nahezu jegliche Kombinationen untereinander. Jedes hergestellte Pigment ist ein Unikat.

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Der ganze Prozess regt verschiedene Sinne an: den Tastsinn, das Riechen, das Sehen, das Schmecken, das Hören von der Ernte bis zur Kristallisation zum Pigment. Die der Pflanze innewohnende Kraft begleitet einen durch die Herstellung und begrüsst uns von Neuem im fertigen Pigment. Und mancher Farbe setze ich auch die entsprechende Blütenessenz zu.... So entstehen einmalige Farben und Bilder mit heimischen Pflanzen wie Johanniskraut, Akelei, Schwertlilie, Brennessel, Mädesüss und vielen mehr.

Färben:

Hauptsächlich färbe ich mit heimischen Pflanzen - die meisten wachsen im Garten oder in der Umgebung - auf Seide, Wolle, Leinen und Baumwolle. Selten verwende ich Gewürze wie Safran oder Kurkuma oder exotische Pflanzen wie der Indigostrauch. Als Vorbeize verwende ich meistens Alaun. Die Vorbeize trägt zur erhöhten Wasch- und Lichtechtheit bei. Nachwievor gibt es viel zu entdecken und zu erforschen. Viel Färberwissen ging verloren während der Hochblüte der chemischen Industrie.
 


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Jedes gefärbte Tuch ist ein Unikat: die Beschaffenheit der Farbe hängt vom Zeitpunkt der Ernte, von der Qualität des Wassers, vom Mondstand, der Bodenbeschaffenheit und vielen andern Gegebenheiten ab. Es erstaunt immer wieder, dass wir die Färbekraft einer Pflanze nur in seltenen Fällen da finden, wo sie uns am leuchtendsten entgegentritt: in den Blüten. Dem Färben dienen vorwiegend unscheinbare Rinden, Wurzeln, Kräuter, Blätter und Flechten. Erst durch Kochprozesse oder andere Techniken offenbaren die Pflanzen ihr verborgenes Färbergeheimnis. Eine Farbe ist schlussendlich immer auch als Geschenk der Pflanzengeister und der Naturwesen anzuschauen und manchmal bedarf es einiger kleiner "Wunder".... und offene Sinne .