feine Pflanzenpoesie

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Sortenvielfalt Gemüsepflanzen

Schon heute werden die Supermarktregale dominiert von 4 bis 5 (meistens Hybrid-) Sorten. Für den Erhalt der genetischen Vielfalt ist der Anbau möglichst vieler Sorten jedoch höchst erstrebenswert. Meistens sind diese alten Sorten auch hervorragend an die regionalen Verhältnisse angepasst und dementsprechend robust.

Die Schweiz ist führend beim Schutz der Vielfalt von Nutzpflanzen. Jedoch bedarf es wachsam zu sein, betreffend neuer Gesetze, die immer wieder die Sortenfreiheit beeinträchtigen können. Hintergrundinformation auf folgender Website: Vielfalt für alle

Sortenvielfalt erhalten

Schon seit Jahren pflanze und säe ich alte Gemüsesorten in meinem Gärtlein. So wachsen dort verschiedene Bohnenarten, Krautstielsorten, Salate etc. Jede Sorte hat ihre eigenen Vorzüge und einen eigenen Charakter. Nebst dem Wohlgeschmack erfreuen die verschiedenen Farben und Formen auch unser Herz.

Bis vor wenigen Jahrzehnten war es üblich, Haus- und Hofsorten anzubauen. Es enstand eine unglaublich reichhaltige Vielfalt. Diese Sorten wurden gemeinsam mit Haus, Garten und Feld weitervererbt. Sie gehörten quasi zur Familie, waren den Anbaubedingungen und der Kochkultur durch langjährige Auslese angepasst. Je besser eine Sorte einem Standort angepasst ist, umso besser gelingt auch deren Vermehrung. In den letzten Jahrzehnten verschwanden hunderte von Kulturpflanzensorten vom Markt und aus den Gärten. Um die Jahrhundertwende boten die Samenkataloge eine Fülle von Sorten mit einer grossen Auswahl an Farben und verschiedenen Formen (z.B. weisse, gelbe Tomaten, blaue Kartoffeln, blauhülsige Erbsen etc.) an. Einzelne waren oft nur kleinräumig verbreitet und unterschieden sich von Tal zu Tal. Auch kannten unsere Vorfahren eine Vielzahl an robusten Getreidesorten, welche gerade auch für rauhe und höhere Lagen sehr geeignet waren und keine Pestizide benötigten... Darum lohnt es, sich mit der Pflanzenvermehrung zu befassen und Saatgut selbst zu gewinnen.

Ein kleiner Ausschnitt aus dem Buch " Handbuch Samengärtnerei" ISBN 3-7066-2352-8, Andrea Heistinger, Arche Noah, Pro Specie Rara (Hrsg.):

"Sorten sind eigentlich nie "fertig", sondern können sich stetig verändern. In diesem Sinne gibt es keine "alten Sorten", sondern nur Sorten der Gegenwart - solange die Sorten in den Gärten angebaut und genutzt werden. Saatgutvermehrung ist auch eine züchterische Tätigkeit. Man lernt, Pflanzen genau zu beobachten und ihre Eigenschaften wahrzunehmen. Schmecken die Früchte aller Paprikastauden in meinem Garten gleich? Wächst in meinem Garten eine Kürbispflanze, die besonders viele Früchte trägt? Schmecken einige der geernteten Karotten besonders süss? Sind einige Selleriepflanzen besonders wuchskräftig? Welche Salatpflanze macht den schönsten Kopf? Sind die Pflanzen, die aus den Samen dieser auserlesenen Pflanzen wachsen, im nächsten Jahr genauso schön?

Wer immer Pflanzen als Samenträger für die nächste Generation auswählt, tut dies mit seinen eigenen Vorstellungen, wie die Sorte "ideal" aussehen soll. Sind die runderen oder die länglicheren Rüben die schöneren? Sind diejenigen besser, die den feineren Geschmack haben, oder diejenigen, die eine besonders glatte Schale haben? In der Konsumgesellschaft sind solch lebendige Beziehungen zu dem, was wir nutzen und benutzen, eine Seltenheit. Nicht nur zu konsumieren, was angeboten ist, sondern mitzugestalten, selbst Saatgut zu vermehren bedeutet einerseits altes Wissen lebendig zu halten und andererseits kreativ tätig zu sein. Wer einmal anfängt mit Kulturpflanzen und ihrer Auslese zu experimentieren, kann leicht süchtig und der eigene Garten schnell zu klein werden. Durch Anbau und Vermehrung geben wir den Kulturpflanzen eine Chance, nicht zu Museumsobjekten zu verkommen, sondern sich mit uns Menschen weiter zu entwickeln.

......Es hat viel Zeit gebraucht, damit die grosse Vielfalt der Kulturpflanzen entstehen konnte. Viele Kulturpflanzen blicken auf eine Jahrtausende lange Kultivierung zurück. Ihre Auslese und Vermehrung lag seit Anbeginn in der Hand der Bauern und Bäuerinnen, Gärtnerinnen und Gärtner. Kulturpflanzenvielfalt entstand über zahllose Generationen und basiert oft auf einer lebenslangen Verbindung zwischen Menschen und einzelnen Sorten. Bis vor ca. 150 Jahren gab es keine Trennung zwischen BäuerInnen und ZüchterInnen. Die Zeitspanne, in der sich eine eigenständige Profession der Pflanzenzüchtung herausgebildet hat, ist somit erst relativ kurz.

......Vor dem Beginn der Industrialisierung in der Landwirtschaft, und noch vor der Trennung von biologischer und konventioneller Landwirtschaft, war auch bei uns die Sortenvielfalt um ein Vielfaches grösser. In exakten Zahlen lässt sich dies nicht festmachen, aber es gibt zahlreiche Beispiele, die sie belegen. So lagern in der ehemaligen Landesanstalt für Pflanzenzucht und Samenprüfung Tirols über 400 verschiedene Getreidelandsorten, die noch in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts angebaut wurden. Diese Landsorten weisen eine wesentlich grössere genetische Variabilität auf als die modernen Sorten. Gegenwärtig ist keine einzige von ihnen mehr im Anbau zu finden. Auch heute scheint am Markt eine grosse Vielfalt vorhanden zu sein. Das grosse Angebot an exotischen Gemüsen und Früchten täuscht jedoch über die Verarmung an unterschiedlichen Sorten hinweg. Man denke nur an die Aepfel und Tomaten, wo drei bis vier Sorten das gesamte Angebot dominieren. Die modernen Sortenzüchtungen unterscheiden sich zudem äusserlich oft kaum voneinander, auch der Geschmack lässt vielfach zu wünschen übrig. Für Hausgärten finden sich in Saatgutkatalogen heute nur mehr wenige besonders geeignete Sorten, da sich die teure Züchtungsarbeit nur für den Erwerbsanbau rentiert. Gleichwohl sind Höchsterträge, maschinelle Beerntbarkeit, Transport- und Lagerfähigkeit für Hausgärtner und -gärtnerinnen wenig relevant, vielmehr eine lange Ernteperiode, guter Geschmack und Angepasstheit an den Anbaustandort, ihre Vitalität und Widerstandskraft gegen Krankheiten und Schädlinge.

.....Die restriktiven Bestimmungen der Saatgutgesetze haben ebenfalls stark zum Verschwinden der Sortenvielfalt beigetragen. Es dürfen nur solche Sorten als Saatgut gehandelt werden, die ein behördliches Zulassungsverfahren passieren. Dadurch sind in den letzten Jahrzehnten in Europa hunderte interessanter Sorten zugunsten von Hochleistungssorten und Hybridsorten verschwunden. Die Sortenzulassung ist zudem sehr teuer, sodass mancher kleiner Züchter allein daran scheitern muss. Ein Gesetz, das einst Konsumenten und Züchter schützen sollte, führt heute eher zu einer Bevormundung des Konsumenten und verstärkt den ohnehin grossen Konkurrenzdruck am Sortenmarkt, der zu einer zunehmenden Monopolisierung der Züchtungsunternehmen führt."

Links zu biologischem Saatgut:

Sativa Rheinau
Samen Zollinger
Pro Specie Rara